Auf einen Blick

AUFGABE: Modernisierung und Erweiterung eines eingeschossigen Wohnhauses von 1933
STANDORT: Berlin-Zehlendorf
BAUHERR: privat
ARCHITEKT/BAULEITUNG: droste zu senden architektur, Berlin
TRAGWERKSPLANUNG: Ingenieurgemeinschaft Hörnicke, Hock, Thieroff, Berlin
ENERGIEBERATUNG: Gas-Support GmbH, Berlin
FERTIGSTELLUNG: 2010
GRUNDSTÜCKSFLÄCHE: 821 QM
NUTZUNGSFLÄCHE: 180 QM

Nicht auf Sand gebaut

Die Bauherrin hatte bereits erste Planungsschritte hinter sich, als grundlegende Zweifel aufkeimten. Auf Empfehlung wandte sie sich schließlich an uns und bat um eine „Zweite Meinung“. Die Antwort war delikat, denn der erste Entwurf sah eine Aufstockung vor – ohne nachgewiesene Tragfähigkeit des Bestandes. Daher lautete unser dringender Rat, zunächst das Mauerwerk und die Fundamente zu untersuchen, bevor man die Pläne der Aufstockung weiter verfolgt.

Mit diesem Vorschlag kamen wir ins Spiel. Die Chemie schien auch zu stimmen. Der Statiker gab grünes Licht und so zogen wir gut gewappnet mit Helm und Architektenvertrag auf den Abenteuerspielplatz Baustelle. Dass wir in einem annähernd identischem Fall keinen Kilometer Luftlinie entfernt ein Haus wegen zu schwacher Substanz abbrechen mußten, wollten wir der Bauherrin erst jetzt verraten.

Treppe neu – alles neu

Um nicht ganz auf Los zurück zu gehen, überarbeiteten wir den ursprünglichen soliden Entwurf unserer Vorgänger, die für die Erweiterung bauzeitliche Typologien des Bestandes aufgriffen. Da es sich in fremden Schuhen einfach nicht so gut läuft, wollten wir noch einen eigenen Ansatz zumindest auf der Hinterhand haben. Der geriet jedoch etwas radikal, aber wie in einem Guß.

Und tatsächlich: Bei der Präsentation gefiel zwar die überarbeitete Fassung, Begeisterung sieht jedoch anders aus. Das war die Stunde des radikalen Entwurfs. Also dann, nochmal tief Luft holen! Fasten Seat Belt! … und der Ballon hebt ab. Nach kaum fünf Minuten war klar, dieser Ballon wird nicht platzen. Die Bauherrin hatte verstanden, wußte nur nicht so recht, wie sie ihren Mann ins Boot bekommt, der bereits genußvoll revoltierte.

Eine weitere echte Herausforderung bestand darin, in einen bestehenden Grundriss eine Geschosstreppe zu platzieren, wo wegen der Eingeschossigkeit bislang keine Treppe gebraucht wurde, abgesehen von einer steilen Stiege zum Keller, die gerade genug Platz in einer Schranknische fand. Nur wo wäre dafür noch Raum gewesen, ohne den Grundriss komplett auf den Kopf zu stellen?

Aufgeschlossen für radikale Lösungen

„Der sehr kleinteilige Grundriss entsprach zwar nicht den Anforderungen der vierköpfigen Familie, aber komplett entkernen kam auch nicht in Betracht, denn vom ursprünglichen Charakter des mittlerweile liebgewonnen Hauses sollte möglichst viel hinter neu Hinzugefügten spürbar werden.

Nach einigem Drehen und Wenden gab der magic cube die Lösung preis. Der Treppenkern, als turmgleiches Möbel ins Zentrum des Hauses gestellt, verbindet nun drei Geschosse. Sämtliche Räume legen sich wie eine Schale um ihn herum, sind mit ihm oder untereinander verbunden und liegen ausnahmlos an Aussenwänden, von wo sie über die Fenster mit reichlich Frischluft und Tageslicht versorgt werden.

Damit gelang ein äußerst ökonomischer und dennoch weiträumiger Zuschnitt der Wohngeschosse – ganz ohne Flure.

jedoch mit einer Konsequenz, die ohne die außergewöhnliche Aufgeschlossenheit und Neugier der Bauherrin nicht zu dieser radikalen Lösung geführt hätte. Wer hinter der Haustür gewohnheitsgemäß eine Diele erwartet, findet sich stattdessen und unversehens in Etwas wieder, das man andernorts wohl eher als Loft bezeichnen würde. Lediglich gepuffert durch einen minimalen, aber hochfunktionalen Transitbereich – halb Garderobe, halb Windfang mit „Sauberlaufzone“. Selbst die stilprägenden, bauzeitlichen Elemente wie Fassadenklinker, Kastenfenster, Dielenböden und Deckenrouten konnten als wichtige Informationen in der „Neuprogrammierung“ des Hauses ihren Niederschlag finden und fügen sich mit den Neuerungen zu einem harmonischen Ganzen.