Auf einen Blick

AUFGABE: Realisierungswettbewerb zur Neugestaltung des Innenraums und des baulichen Umfeldes sowie zur Erweiterung des Bernhard-Lichtenberg-Hauses
STANDORT: Berlin-Mitte
AUSLOBER: Erzbistum Berlin
ARCHITEKT: Hohenzollern Architekten mit droste zu senden architektur, Berlin
BEARBEITUNG: 2014

Krone — Confessio — Sakramentskapelle

Der räumlich-tektonischen Dimension der Kathedrale wird eine spirituell-religiöse Dimension eingeschrieben. Das sichtbare Symbol dafür ist die schwebende, transparente Krone – gleichsam als Königs- oder Dornenkrone. Im Kontext mit der entrückten Kuppel

(Firmament) wird die Hinwendung zum Reich Gottes veranschaulicht.  Durch die Implementierung der „schwebenden Krone“ wird die räumliche Komplexität der Kathedrale gesteigert. Neuinterpretation der Vertikalachse durch Einführung einer neuzeitlichen Confessio, die den Blick aus dem Kathedralraum auf die Grabstätte des Seligen Bernhard Lichtenberg in der Krypta gestattet. Die Orte der sakralen Handlungen sollen durch sinnfällige Ordnung in ihrer liturgischen Bedeutung nachvollziehbar gemacht werden. In Richtung der Längsachse der Kathedrale verlängert sich nun der Blick über den Altar hinweg auf das Allerheiligste in Form des Tabernakels. Die Versammlung der Gläubigen erhält eine Richtung.

Wo Glauben Raum gewinnt 

(Auszüge aus dem Erläuterungsbericht zum architektonischen Konzept)

Vorbemerkungen

Menschwerdung Gottes in Jesus, dessen Leben, Leiden, Sterben, die Auferstehung, Erlösung von Schuld und das ewige Leben sind die zentralen, christlichen Glaubensinhalte, die auch im 21. Jh. angesichts der zahlreichen sozialen, materiellen, ökonomischen (und digitalen) Verwerfungen für viele Menschen neue Bedeutung erlangen könnten.

Nicht nur die großen Verheißungen des ausgehenden Industriezeitalters und des digitalen Fortschritts stellen sich zunehmend als Kränkungen des Menschen heraus.

Auch das Wirken der christlichen Kirchen ist in jüngerer Zeit einmal mehr überschattet von Identitätskrisen. Insbesondere die katholische Kirche in Deutschland sieht sich vor explizite Herausforderungen gestellt. Sie muß verlorene Glaubwürdigkeit wiederherstellen und zugleich einer wachsenden Zahl von Menschen, die andere Wege spiritueller Erfahrungen erkunden, in gewinnender Weise Antworten auf ihre eschatologischen Fragen bieten.

Spannungsfeld Denkmalpflege und liturgische Belange

Spirituelle und strukturelle Erneuerung bedarf sichtbarer Zeichen.

In diesem Sinne sehen wir Notwendigkeit und Legitimation zugleich, eine grundlegende Revision der nüchternen Architekturauffassung der Schwippert’schen Gestaltung zu wagen. Zugleich ist uns bewußt, dass dies nur gelten darf, wenn eine erhebliche Verbesserung zu erwarten ist. Schwippert hatte zwar in der krisengeschüttelten Nachkriegsphase Berlins ein Signal des Aufbruchs und der Hoffnung gesetzt, welches nun aber in seiner bauzeitlichen Prägung auf uns befremdlich wirkt. Schwerwiegender wirkt jedoch deren mangelnde Strahlkraft, welche erforderlich wäre, eine emotionale Verbindung zu unseren spirituellen und religiösen Bedürfnissen herzustellen.

Bei allem Respekt vor der außerordentlichen und beispiellosen Leistung Schwippert’s, aber unter dem Zeichen der Neuorientierung des Bistums würde allein schon das Festhalten an dieser Konzeption mit all ihren aus heutiger Sicht liturgischen und funktionalen Unzulänglichkeiten wie ein unentschlossenes Verharren in verkrusteten Traditionen missverstanden werden können, und die Motive der Auslobung liefen ins Leere.Dies wäre unserer Auffassung nach genau das falsche Signal und auch eine vergebene Chance, der Hedwigskathedrale endlich das Antlitz einer wirklichen Kathedrale zu geben.

Im vollem Bewußtsein der zutiefst zwiespältigen Ausgangslage, nämlich der unmißverständlichen Forderung des Denkmalschutzes nach vollständigem Erhalt des Bestandes einerseits, und den Wünschen des Auslobers nach einer zukunftsorientierten Lösung andererseits, sind wir überzeugt, dass nur eine mutige, aber ausreichend legitimierte Umgestaltung der Kathedrale das Potential eines dynamischen und anhaltenden Prozesses der Neuausrichtung nicht nur der Domgemeinde und des Bistums, sondern auch der (kath.) Kirche in Deutschland in sich birgt. Ausgehend von der Aufgabenstellung ließe sich am ehesten eine befriedigende Antwort auf die Frage finden: Wie sieht Kathedrale im 21. Jahrhundert aus?

Kernpunkte des architektonischen und liturgischen Konzeptes

Dem äußeren Erscheinungsbild nach und in seiner Grundstruktur ist die Architektur des Kirchengebäudes antik -klassizistisch angelegt (vgl. Pantheon) und repräsentiert Selbstbewußtsein und Rationalität der Gesellschaft im 18. Jahrhundert – Eigenschaften, die zunächst nicht unbedingt mit Kirchenbau in Verbindung gebracht werden. In der letzten Umgestaltungsphase durch Schwippert wurde dieser Rationalität eine profane Lesart des Innenraumes hinzugefügt. Lediglich die Kuppel, neu errichtet unmittelbar nach dem 2. Weltkrieg, entzieht sich eindeutiger Zuordnungen und beeindruckt durch die Spannkraft zeitlos schlichter Linienführung der filigranen Betonrippen. An diesem Punkt setzt unser Konzept an, das als sichtbarstes Element die „Große Krone“ einführt.

Raumbildend und einprägsam unter der entrückten Kuppel schwebend, soll sie der vorgegebenen rationalen Ebene bewußt eine metaphorische, irrationale und emotionale Ebene hinzufügen. Durch die Interaktion beider Ebenen entwickelt sich das Spannungsfeld räumlicher und emotionaler Wirkungen – vergleichbar den visuellen und emotionalen Eindrücken, die wir auch heute noch vor allem in romanischen oder gotischen Kathedralen auf beglückende und entrückende Weise erfahren können.

(liturgisch: Religion und Glaube sind mystische, geheimnisvolle Wirklichkeiten, die dem Wesen nach emotional spürbar werden und in den sakralen Bildwerken und Baugliedern symbolhaft und sichtbar Gestalt annehmen; Königs- oder Dornenkrone, Firmament der Kuppel, Hinwendung zum Reich Gottes)

Wenn es gelänge, dass Besucher der Kathedrale – angezogen von einer offenen, einladenden und gewinnenden Geste – angesichts eines erhabenen (mystischen) Raumeindrucks wieder in Staunen versetzt werden, dass sie sich öffnen können für das Mysterium einer Messfeier oder eines stillen Gebets, sich in Chor- und Orgelmusik versenken, dass sie berührt werden und ein unaussprechliches Empfinden für eine Verbundenheit mit sich, den Mitmenschen, der Welt und unserem Schöpfer entwickeln, dann wäre nicht nur für die Katholiken des Bistums und den Gläubigen anderer Konfessionen ein Identifikationsort gelebter Glaubensgemeinschaft geschaffen, sondern auch eine Begegnungsstätte für alle Menschen im Sinne der Citypastoral und Metropolitankirche.

Daher sind die immanenten Glaubensinhalte so darzustellen, dass sich alle Menschen, unabhängig ihrer Herkunft und ihres Glaubens, im ubiquitären Wesenskern ihres Menschseins angenommen fühlen, sich öffnen können und angesichts der Würde und Schönheit dieses Gotteshauses, diese als Fragment des Göttlichen, als Antlitz eines menschenfreundlichen Gottes, als freimachende Glücksverheißung erfahren dürfen.

Es wäre die Verheißung einer Architektur, die uns einlädt herauszufinden, was aus uns werden könnte.